Die elektronisch verstärkte Stimme ist in der heutigen Zeit das
Stimmideal Nummer eins.
Bei akustischen Gesangsarten definieren wir unsere Stimme allein über
die Reflektionen des Raumes und über die inneren Schwingungen in
uns selber. Bei elektroakustischem Gesang geschieht das fast ausschließlich
über die Boxen, über die wir uns hören. Wir lernen, wie
wir in die verschiedenen Mikrophone singen, wie wir diesen Klang mit
Effekten verändern können und wie die Lautsprecher stehen
sollten, damit wir uns richtig hören.
Eine komplette Anlage mit Mischpult, Effekten und diversen Mikrophonen
steht einsatzbereit in unserem Proberaum. Natürlich können
jederzeit Mitschnitte auf DAT gemacht werden. Soundtracks aus verschiedenen
Musikstilen stehen für den Unterricht zur Verfügung. Der Unterricht
findet entweder in Einzelstunden, oder für ganze Rock/Pop Gruppen
statt. |
Rockmusik und Rap
Die spezifische Art der Intonation von Popstimmen wurzelt historisch im Gesang der afrikanischen Ureinwohner und ist über Musikformen des afroamerikanischen Akkulturationsprozesses, speziell des rhythm and blues in die europäische Beat-, Pop und Rockmusik gelangt. Im Verlauf dieser evolutionären Entwicklung wurden die elektroakustischen Verstärkungs- und Verfremdungsmöglichkeiten zu einem wesentlichen Bestandteil der Popstimme. Die Intonation der unausgebildeten Popstimmen ist eng verwandt mit der Stimmgebung der afro-amerikanischen Musik. Die Töne werden mit gepreßter Stimme gebildet Stimmlippenschluß und Atemdruck werden gleichzeitig forciert und die Halsmuskulatur übermäßig gespannt womit eine Beanspruchung der Stimmen verbunden ist, die über kurz oder lang zu einer starken Beimischung von Geräuschen als Folge anhaltender Überanstrengung des Stimmorgans führt. Damit sind die wesentlichen Eigenarten, die Möglichkeiten, zugleich aber auch die Grenzen und Gefahren dieses Stimmgebrauchs beschrieben.
Zu diesen wesentlichen Merkmalen kommen erstens die elektroakustische Verstärkung, die der obertonarmen Stimme ein fast unbegrenztes Volumen verleihen kann und zweitens die elektroakustischen Manipulationsmöglichkeiten. Die Stimme kann durch Raumsimulation (Reverb, Delay und Resonatoren) ohne Verlust an Volumen in jeden erdenklichen Raum projiziert werden; durch Veränderung des Frequenzspektrums (Equilization) kann das Timbre der Stimme beliebig verändert werden.
Die beschriebenen elektronischen Möglichkeiten beziehen sich natürlich auch auf die Instrumente, die in der Regel den Rahmen für die Stimme bilden, der die beschriebenen Wirkungen noch einmal verstärkt. Wenn also die elektronischen Gegebenheiten derart bestimmend sind, muß gefragt werden, worin die individuellen Möglichkeiten des Sängers liegen. Sie liegen vor allem im Ausdruck seiner Stimme und in der Art seiner Präsentation.
Das wichtigste Kriterium der Vermarktbarkeit der Rock- und Popstimme ist - unabhängig von einem Stimmideal - der individuelle Charakter (Wiedererkennungswert) der Stimme (z.B. die "Reibeisenstimme" von Joe Cocker, der nasale Klang bei Udo Lindenberg, die übertrieben forcierte Stimme Nina Hagens), der in jedem Fall im Gegensatz steht zum Ideal des Belcanto und den ich als Wiedererkennungswert bezeichne. Wenn dabei auch die "gepreßte Stimme", eine große Rolle spielt, bin ich der Meinung daß viele Popsänger Wege gefunden haben, durch Stützfunktionen und spezielles Training eine gesunde Stimmfunktion zu erhalten. Die "Stimmgeräusche" (kehliges, hauchiges, rauhes Singen), die die "gepreßte Stimme" hervorbringt, machen gerade die besondere Qualität der Popstimme aus, die nicht vom Standpunkt des Klassischen-Gesangs her beurteilt werden darf. Man kann eine solche Stimme relativ leicht nachahmen - was Jugendliche gerne tun - wird jedoch stimmtechnisch schnell an seine Grenzen kommen, d. h. heißer werden, wenn man nicht über die speziellen Techniken und die Routine der professionellen Popsänger verfügt, was bei anderer Musik jedoch auch passieren kann.
Neben den geschilderten Merkmalen der Technik und des Ausdrucks der Popstimme spielen die Darstellungs- und Präsentationsformen - vor allem durch die visuellen Medien - eine überaus große Rolle. Der Popsänger muß zum vollen Einsatz der Stimme höchst differenziert choreografierte Bewegungen beherrschen. Hinzu kommt noch die Wirkung der gesamten Präsentation, die ein System von public relation und Bühnen-Show darstellt. Zur Wirkung über das Ohr kommen also massive optische Reize sowie die Wirkung des jeweiligen Image, das von den Fans gerne übernommen wird.
Die Möglichkeiten der Popmusik für die Musikpädagogik liegen also darin, daß wegen der beschriebenen Art des Stimmgebrauchs, den Identifikationsmöglichkeiten und der Körperlichkeit die Motivation sowohl zu vielerlei Bewegungen des Körpers als auch zum Gebrauch der Stimme äußerst hoch ist. Die Grenzen liegen in den Kosten der Elektronik und im know-how der Bedienung. Die Gefahren liegen in den Manipulationsmechanismen des Musikmarktes und darin, daß die Rockmusik die ganze Gefühlswelt herausfordert und die Stimme dieser Herausforderung zumeist nicht gewachsen ist. Die Schwierigkeiten für eine pädagogische Vermittlung der Rockmusik sehe ich darin, daß nur wer sie selbst gelebt hat, sie auch weitergeben kann. |